Nachruf Emil Handke

Emil Handke war zeit seines Berufslebens Kirchenmusiker in unserer vorpommerschen Partnergemeinde Barth. Er hat in der Zeit der DDR und danach an fast allen Begegnungen zwischen der Barther St. Mariengemeinde und der Melanchthongemeinde teilgenommen. Er verstarb am 24. Oktober wenige Tage nach seinem 79. Geburtstag im Kreis seiner Familie.

Ein nichtkirchenmusikalischer Nachruf auf den Kirchenmusiker:
Als die Glocken der Barther St. Marien-Kirche am 9. Oktober 1989 abends zum ersten Barther Friedensgebet läuteten, saß der Kirchenmusiker Emil Handke allein in der großen kalten Kirche. Er hatte geläutet. Er hatte eingeladen. Ohne die Zustimmung seiner kirchlichen Obrigkeit. Aber niemand kam. Nicht einmal die Stasi. Emil blieb allein. Aber eine Woche später war er schon nicht mehr allein, und in der dritten Oktober-Woche war die Barther Kirche so gut besucht wie zu Weihnachten. Zwei Jahre zuvor war Emil Handke zum ersten Mal in der Melanchthonkirche. Er sollte unbedingt mitwirken bei der ersten Orgelnacht, die der Kantor Burkhard Nehmiz organisiert hatte. Um die Ausreise aus der DDR zu ermöglichen, war ein Antrag der Melanchthongemeinde bei der KünstlerAgentur der DDR nötig. 300 DM musste die Gemeinde an die DDR zahlen, damit Emil Handke zu diesem Zweck sein Land vorübergehend verlassen durfte. Für die Barther war es ein erstes Loch in der Mauer, durch das ein Nicht-Rentner aus der DDR in den Westen schlüpfen konnte. Die Kirchenmusik hatte es möglich gemacht. Im Sommer 1990 kam der Tag der Währungsunion. Die Melanchthonkirche war mit ihrem Kantor und mit dem Posausenchor auf dem Barther Marktplatz präsent. Ohne Anmeldung, ohne behördliche Genehmigung. Und ohne, dass die ganze Stadt wie weiland in Jericho in sich zusammenbrach. Es blieb ruhig. Die Volkspolizei schritt nicht ein. Der Barther Kirchenmusiker konnte es nicht wirklich fassen. Und nachmittags dann noch einmal. Der Posaunenchor wollte in einem Barther Altersheim Choräle spielen. Aber in dem alten Gemäuer musste man tatsächlich ängstlich an die Posaunen von Jericho denken und was sie angerichtet hatten und beschloss deshalb, lieber draußen vor dem Haus auf der Straße zu spielen. Keiner, nur Emil Handke wusste, dass etwas schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite die Volkspolizei ihren Sitz hatte. Emil Handke wurde leichenblass. Eine kirchenmusikalische Provokation. Auf der Straße und vor den Ohren der DDR-Polizei Choräle und andere Kirchenmusik zu spielen, wäre zu normalen DDR-Zeiten unmöglich gewesen. Aber die Stasi und die Volkspolizei waren schon so verunsichert, dass sie sich nicht mehr trauten, ihre Mauern zu verlassen. Kurze Zeit später saß der Kirchenmusiker Emil Handke vorübergehend im Rat der Stadt und half mit, in der schönen und schrecklichen Umbruchzeit die Geschicke der Stadt zu lenken. Natürlich hat er viel lieber die großen Konzerte mit seinem Barther Singkreis in der Kirche aufgeführt. Aber in der ersten Wende-Zeit mussten an vielen Orten Christen öffentliche Verantwortung übernehmen. Emil Handke war, abgesehen von seinen großen musikalischen Begabungen und Qualifikationen und auch abgesehen von seiner Liebe zu seiner Barther Buchholz-Orgel, ein sehr eigenwilliger, manchmal schüchterner, aber auch sehr mutiger Mensch. Seine Stasi-Akte mit den Aussagen aller möglichen Zuträger und Zuträgerinnen wollte er nie sehen. Er wollte sich einfach seine Unbefangenheit im Miteinander in der Gemeinde nicht nehmen lassen. Auf der Trauerkarte für ihn stehen die Worte: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.

Andreas Zühlke